Anti-Bertelsmann
Gesellschaftspolitische Dimensionen der Qualitätssicherung oder
Die Bertelsmannisierung der Schule1. Mehr Arbeit
„Aus Verantwortung gegenüber meinen SchülerInnen und ihren Eltern bzw. Ausbildungsbetrieben – aber auch gegenüber meiner eigenen Gesundheit und Arbeitsfähigkeit – fordere ich Sie (Willi Lemke, Anm. d. A.) als meinen Dienstherrn und Arbeitgeber auf, Ihre Fürsorgepflicht wahrzunehmen und die Arbeitsbelastung deutlich und nachhaltig zu reduzieren. Sollte dies nicht umgehend geschehen, kann ich auf Grund der Überlastung keine Verantwortung für Qualität, Vollständigkeit und Sicherheit meiner Arbeit übernehmen.“
Mit diesen Worten protestierten vor wenigen Monaten über 600 Lehrerinnen und Lehrer in persönlichen Überlastanzeigen gegen Mehrarbeit und Mehrbelastung an den Schulen Bremens.
Ihnen, die außerstande sind, die zunehmenden Anforderungen mit gutem Gewissen und Qualität zu gewährleisten, bleibt Willi Lemke bis heute die Antwort auf die Frage schuldig:
Welche der Aufgaben soll gestrichen werden?
Die Liste der zusätzlichen Arbeiten, die zur Überlastung führen, ist lang: Mitarbeit am Qualitätsmanagement der Schule, Entwicklung eines Schulprogramms, Evaluations- und Feedback-Verpflichtungen, Vergleichsarbeiten und neue Abschlussprüfungen, neue Bildungspläne gestalten, Fortbildungsverpflichtungen, Reduktion von Förderstunden für Migrantenkinder, Vertretungsunterricht, Abschaffung von Stundenentlastungen für Entwicklungsaufgaben, sich häufende Zusatzkonferenzen wegen diverser Projekte, ... .
In Bremen sind in den letzten 10 Jahren 800 Lehrerstellen gestrichen worden, eine Verminderung von ehemals 5100 auf 4300 Stellen. Die Schülerinnen und Schüler sind nicht weniger geworden.
Aber nicht nur wegen steigender Schülerinnen- und Schülerzahlen gärt es: was aufstößt sind die nebenher eingeführten Maßnahmen im Rahmen des Qualitätsmanagements und neuer Verwaltungsstrukturen.
2. Der Masterplan für das Schulsystem
Seit 2002, als im Zuge der Ergebnisse der PISA-Studie ein „Runder Tisch Bildung“ in Bremen einberufen wurde, prasseln Verordnungen und neue Gesetze auf die Lehrerschaft ein. Die erklärten Ziele sind: Verbesserung des Unterrichts, eine Verwaltungsmodernisierung und die Einführung von Qualitätsmanagement an allen Schulen. Qualität und Effizienz, so schallt es pausenlos auf die Schulen ein.
Woher kommen diese neuen Schulkonzepte und was steckt dahinter?
Eines ist ganz klar, die neuen Ziele wurden nicht in Bremen geboren. Bereits 1995 hat die Bildungskommission Nordrhein-Westfalen nach dreijähriger Diskussion die Programmschrift „ Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft“ veröffentlicht. Dieses Buch ist ein Schlüsseldokument und markiert den Übergang zur neoliberalen Schulpolitik in Deutschland. Die Autoren kommen aus den Reihen der renommiertesten Professoren und Experten. Sie haben in dieser Studie ihr Fachwissen mit den ökonomischen Strategien der Konzerne zusammengeführt und den Masterplan geschrieben.
Gemeinsam saßen am Tisch: Politiker, Kultusbürokratie, die Arbeitsverwaltung und vor allem Vorstandsmitglieder der global players aus Banken, Computer- und Medienindustrie. Eine der wichtigsten Personen war der Milliardär Reinhard Mohn, Haupteigentümer von Bertelsmann. Er dürfte wesentlich dafür gesorgt haben, dass die Ergebnisse der Studie mit den Zielen der Medienindustrie und anderen Dienstleistungsunternehmen einhergehen. Ziele, wie sie auch die Entwürfe von GATS, die weltweiten General Agreements on Trade and Services, und der europäischen Bolkestein-Richtlinie beinhalten. Bildung soll zur Ware werden, hier und überall für den Verkauf auf dem globalen Markt.
3. Privatisierung und Rationalisierung
Die allgegenwärtige Umwandlung in eine neoliberale Gesellschaft begrenzt sich nicht auf die Schule. Nach und nach werden öffentliche Einrichtungen und öffentliche Dienste privatisiert. Im Zentrum steht die Kapitalisierung und Auflösung bislang staatlich garantierter Rechte, Räume und Institutionen. Manche nennen es auch die Ausweitung der Märkte nach innen. Es wird aber nicht nur privatisiert, sondern auch nach simplen unternehmerischen Kriterien durchrationalisiert.
Arbeitsabläufe werden rationalisiert und demokratische Entscheidungsstrukturen abgeschafft zugunsten einer starken Leitung mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen.
Dahinter steht der Wille, den Beschäftigten, also auch den Lehrerinnen und Lehrern, durch Mittelkürzungen Mehrarbeit aufzuzwingen.
Gleichzeitig wird versucht, sie zu mehr Leistung zu motivieren, sich selbst zu aktivieren und eigene Ideen zur Optimierung der Arbeitsabläufe einzubringen. Alles, was dem Ziel dient, die Schule billiger zu machen ist willkommen. Gute Ideen im Sinne einer verbesserten Schulbildung, die nicht der Kostensenkung dienen, werden verworfen. Den Kolleginnen und Kollegen wird eine Scheinautonomie in didaktischen Fragen und in der Mitgestaltung von Lehrplänen eingeräumt. Sie sollen an der neoliberalen Umwandlung der Schule mitwirken. Das hat Folgen: Arbeitsverdichtung und Aufsplitterung der schulischen Aufgaben, Abbau von Arbeits- und Ausbildungsplätzen, Lohnsenkung und ein schlechteres Betriebsklima.
Die Privatisierung hat mit der Post und Telekommunikation, dem Bus- und Bahnverkehr, der Energie- und Wasserversorgung begonnen und wird jetzt mit der Ökonomisierung von Bildung, Kliniken, Sozialsystemen und Kommunalverwaltungen fortgeführt. Die Bertelsmannstiftung, die über einen Großteil des Vermögens des internationalen Medien- und Dienstleistungskonzerns Bertelsmann verfügt, ist in vielen dieser Bereiche sehr erfolgreich aktiv. Erfolgreich in der Verwandlung öffentlicher Bereiche in ökonomisch ausgerichtete Betriebe und Institutionen. Sozial, modern und fortschrittlich verkleidet, hat sie mit Hilfe ihrer Public-Private-Partnership-Netzwerke, klaren Strategien, finanziellen Möglichkeiten und Medienpräsenz eine unvergleichbare Machtstellung. Regionale und globale politische Entscheidungsprozesse werden elegant gesteuert: beispielsweise bei der Einführung des Qualitäts-Evaluationstool SEIS, den Studiengebühren, Hartz IV oder der internationalen Militarisierung.
4. Humankapitalbildung
Welche Folgen ergeben sich für die Bildung?
Bildung für alle, das war früher, in den Aufbruchszeiten der siebziger Jahre und danach. Noch ist die Schule und auch der größere Teil der allgemeinen Bildung im öffentlichen Bildungswesen organisiert und als soziales Recht für alle garantiert. Neu ist, dass Bildung als wirtschaftliche Investition das Humankapital, also den Menschen selbst, optimieren soll. Der Mensch wird nicht gebildet, sondern in seinen Kompetenzen für den Weltmarkt optimiert.
Aus dem neoliberalen Bildungsideal ergeben sich wesentliche gesellschaftliche Konsequenzen. Armin Bernhard, Professor für Pädagogik an der Universität Duisburg/Essen befürchtet: „Die Folgen für eine demokratische Entwicklung der Gesellschaft wären unabsehbar: Denn eine allgemeine Bildung ist die Grundlage für individuelle und kollektive Mündigkeit und diese wiederum ein Grundbaustein wirklicher Demokratie. Wer diese allgemeine Bildung nicht erhalten, ja ausbauen kann, gefährdet die Basis für demokratisches Handeln und damit die einer zivilen Gesellschaft insgesamt.“
Für die Bildung von „Humankapital“ steht auch Frau von Ilsemann, Leiterin der Schulabteilung beim Senator für Bildung, die sich eine Mitarbeiterin direkt von Bertelsmann in die Schulbehörde geholt hat - Frau Julia Mahlmann.
Eine der Aufgaben von Frau Mahlmann ist, vermittels des Evaluationstools SEIS, vergleichbare, vorgegebene Daten über Schulen zu sammeln. Diese Daten ermöglichen ein Ranking, das auch international angewendet wird. Kürzlich wurde die „beste Schule“ Deutschlands festgestellt. („Grundschule Kleine Kielstraße aus der Modellregion Dortmund ist beste Schule in Deutschland“; http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-0A000F0A-1BEF9021/bst/hs.xsl/nachrichten_36024.htm)SEIS wurde von Bertelsmann entwickelt und Bertelsmann sammelt auch die erhobenen Daten - nicht nur in Bremen. ( Vgl.: Cornelia Stern, Julia Mahlmann, Eric Vaccaro (Hrsg.) , Spieglein, Spieglein. Schulentwicklung durch internationale Qualitätsvergleiche - erste Erfahrungen, Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung, 2004 )
Kann sein, dass wir mit Q2E noch ein Stück weit selbst bestimmen können. Die Gesamtrichtung ist eine andere.
5. Was tun?
Wir sollten uns die Gestaltung der Bildung nicht von den Bertelsmännern und Frauen aus der Hand nehmen lassen. Jetzt steht an, über die gewerkschaftsinterne Diskussion hinaus einen Austausch mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern zu initiieren, der sich mit der Frage beschäftigt: Welche Bildung wollen wir?
Wir sollten durchsetzen, das jeweilige Schulentwicklungsprogramm nach eigenen Kriterien zu entwerfen, nicht nach vorgegebenen. Schulinterne Daten sollten ebenfalls entlang eigener Kriterien erhoben und schulintern für die selbstverantwortliche Verbesserung des Unterrichts und des Schule verwenden werden. Die Daten von SEIS sind bei Bertelsmann kaum in guten Händen.
Wir sollten für das Recht auf unentgeltliche Bildung kämpfen, für Ausbildungsplätze für alle Jugendlichen, für gleichen Lohn bei allen Lehrtätigkeiten und für ausreichende personelle und finanzielle Ausstattung der Schulen.
Das Referat stützt sich auf die Literatur, die die Gruppe „Du bist Bertelsmann“ zusammen getragen hat, z.B.
http://www.anti-bertelsmann.de/schule/revolutiondeskapitals.html
http://www.anti-bertelsmann.de/schule/Oekonomisierung.pdf
http://www.anti-bertelsmann.de/2006/2006-05-16-gew-braunschweig.html
http://www.anti-bertelsmann.de/2006/LohmannBertelsmann.pdf
http://www.anti-bertelsmann.de/2006/Wissensgesellschaft.pdf
http://www.anti-bertelsmann.de/2005/privatisierung-klausenitzer.pdf
Arbeitsgruppe „Du bist Bertelsmann“ in Bremen und Hamburg
Die AG „Du bist Bertelsmann Bremen/Hamburg“ ist auch Mitveranstalterin des diesjährigen BUKO Kongresses – der Bundeskoordination Internationalismus - www.buko.info – auf dem die Ökonomisierung und Privatisierung durch Bertelsmann ein Schwerpunktthema sein wird. Unter anderem bietet der Hamburger Kollege Horst Bethge einen Workshop zu Bertelsmann und Schule an.
Dieser Text als pdf: bertelsmannisierung_schule.pdf